Pferdebesuch mit Solidaritätsbekundung zur Rekener Charta und ein ganz besonderer Stafettenritt

Wir hatten ja bereits berichtet, dass auch die Seniorenresidenz Saarschleife die Rekener-Charta mit einer Grußbotschaft unterstützt. Hier nun der Bericht von Heike Roessiger, wie es vor Ort war und wie sie das Ganze vorbereitet hat:

P5056584Heike beim VortragVerständigung zwischen Mensch und Tier verläuft häufig auf einer Gefühlsebene. Doch wie kommen diese Gefühle, Emotionen zustande? Sowohl der Mensch als auch das Tier nutzen körperliche Berührungen, Körpersprache, Mimik, Gestik, Laute um dem Gegenüber etwas mitzuteilen. Darüber hinaus wird das Bedürfnis nach Körperkontakt und zärtlicher Berührung wertungsfrei ermöglicht. Das weiche Fell der meisten Tiere lädt zu Berührung, Tätscheln und Streicheln ein.

Nachdem ich einen Kurs in Tiergestützter Therapiebei Annette Bull besuchte und auf dem Kinderbauernhof des Hauses Christophorus in Wallerfangen (Heilpädagogisches Reiten) mehrmals hospitiert habe, war ich von der positiven Wirkung der Tiere auf den Menschen überzeugt. Seit 11 Jahren besitze ich das Pony Shirin, mit dessen Hilfe ich schon Voltigierkurse gab. Durch die Gelassenheitsprüfung mit der Note 1 hat es seine Verlässlichkeit unter Beweis gestellt. Diese äußerst brave Stute wollte ich den Bewohnern des SRS Pflegezentrums, wo ich als Sporttherapeutin tätig bin, vorstellen. Ich wollte den Bewohnern ermöglichen Shirin mit allen Sinnen wahrzunehmen.

Doch sollte diese Kontaktaufnahme und Interaktion auf beiden Seiten wohlüberlegt vorbereitet sein um eine gefahrlose Begegnung zu ermöglichen. Zuerst sprach ich mit der Heimleitung (Herr Stephan Blass) ob er dieses Projekt genehmigen würde. Er war von meiner Darstellung hellauf begeistert und gab mir sogar Personal aus der Beschäftigungstherapie zur Hand.

Da ich auch am Stafettenritt nach Reken eine Teilstrecke reite, nahm ich dies zum Anlass einen Vortrag im Seniorenheim SRS-Pflegezentrum zu halten. Das Thema war :“ Die Geschichte des Pferdes und sein Schutz als Kulturgut“. Die Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland macht diesen Stafetten- ritt um Unterschriften und Grußbotschaften zu sammeln. Die Rekener Charta wirbt um Unterstützung für die Erhaltung, Pflege und besondere Wertschätzung der Pferde und für das Grundrecht von Mensch und Pferd auf einen freien Zugang zur Natur.

Während des Vortrags am 5. Mai. 2013 kam auch zur Sprache, wie man sich Pferden, die ja Fluchttiere sind, annähert und Erfahrungen wurden ausgetauscht. Erinnerungen von der Evakuierung mit Pferden als Zugtiere und Landwirtschaft mit Pferden, die dann zum 2. Weltkrieg eingezogen wurden kamen hoch aber auch das herrliche, erhabene Gefühl auf einem Pferd zu sitzen. Vergleiche zwischen Pferden als Auslaufmodell und alten Menschen wurden Thematisiert.

Spontan wurde eine Grußbotschaft aufgesetzt und von dem Heimbeirat (Herr Arentds und Frau Gansen) als Vertreter der BewohnerInnen unterschrieben.

Durch diesen Vortrag konnte ich die Bewohner auf die Begegnung mit dem Pferd einstimmen und Erklärungen über das Verhalten des Pferdes und die gefahrlose Annäherung zwischen den Bewohnern des Pflegeheims und dem Pferd Shirin anbahnen.

Mein Pferd wurde im Vorfeld auch vorbereitet. Bei mehreren Ritten zum Pflegeheim konfrontierte ich es mit Rollstühlen und Rollatoren sowie diversen Gehilfen. Dann wurden mit Personal aus der Beschäftigungstherapie Situationen simuliert. Zum Beispiel fuhr jemand schnell mit dem Rollstuhl auf das Pferd zu oder ein Stock wurde gehoben und damit gewedelt… . Die Aufgabe des Pferdes war dies alles gelassen und ruhig hinzunehmen ohne zu scheuen. Da Shirin schon viel vom Voltigieren mit Kindern kennt lernte sie dies schnell.

Nun konnte es losgehen. Am Dienstag 7.5.13 ritten wir zum Pflegeheim um die Grußbotschaft als 1. Anlauf beim Stafettenritt abzuholen und Pferdekontakt den Bewohnern zu ermöglichen. Auf der Terrasse der Cafeteria warteten schon einige Bewohner auf unsere Ankunft. Ich hatte lange Möhren mitgebracht näherte mich aber vorsichtig der Umzäunung.
Heikes Verabschiedung am Altenheim
Schon über den Zaun wagten einige Bewohner mein neugieriges Pony zu streicheln. Bevor wir die Terrasse betraten bot ich den ängstlichen Bewohnern an sich etwas in den Hintergrund zurück zu ziehen. Ich stellte Shirin so auf, dass kein Bewohner sich hinter dem Pferd also im toten Winkel befinden konnte. Fragen wurden gestellt und eine vorsichtige Annäherung begleitet von Mitarbeitern der Beschäftigungstherapie erfolgte. Ich blieb beim Pony und achtete darauf, dass Shirin auf die Annäherung vorbereitet war. Nacheinander konnte jeder der es wollte näher zum Pferd kommen. Einige Mutige bekamen eine Karotte zum Füttern in die Hand, ich deckte aus Sicherheitsgründen meine Hand über die Hand des Bewohners. Man merkte zusehends wie Berührungsängste von den Bewohnern abfielen und immer mehr Berührungen stattfanden. Aber auch Aufrichtiges Staunen und deutliches Interesse zeichnete sich auf den Gesichtern selbst stark dementer Bewohner ab. Durch dieses vorsichtige Verhalten kam es zu keinen Angstzeichen bei den Bewohnern und Shirin war mit den Karotten vollauf zufrieden. Vorsichtig nahm sie auch Karotten vom Schoß einzelner Bewohner, die die motorische Fähigkeiten des Fütterns nicht mehr hatten. Der große Kopf wurde bestaunt und das Pferd in seiner Größe wurde auch von sehbeeinträchtigten Bewohnern visuell wahrgenommen.

Übergabe der GrußbotschaftDann kam es zu einer feierlichen Übergabe der Unterschriften und Grußbotschaft. Die Bewohner erkannten, wie wichtig ihre Unterstützung selbst aus einem Pflegeheim noch ist und waren stolz dass mit ihrer Hilfe der Schutz des Pferdes als Kulturgut unterstützt wird. Die Verabschiedung war sehr herzlich und ich musste versprechen mit dem Pony öfter vorbei zu kommen und während des Stafettenrittes auch mal zu schreiben wie es uns geht. Was ich dann auch tat. Für die Bewohner war es ein ereignisreicher und nachhaltiger Tag und sie winkten uns noch lange nach Emotionen, Erinnerungen, Wertigkeiten, Zutrauen, Akzeptanz, Selbstwertgefühl, und sämtliche Wahrnehmungskanäle wurden durch Shirin als Mittler gefördert.

Am Sonntag 11.5.13 trafen sich die Saarländischen Stafettenreiter zur Übergabe der Grußbotschaft an die Rheinland-Pfälzer in Börfink im Gasthof Zur Alten Mühle an, nach einem erfolgreichen Wanderritt durch das Saarland.

Nach Übergabe in Börfink kehrte ich wieder zu meiner Arbeitsstelle im SRS Pflegezentrum in Orscholz zurück und ich wurde sogar von „dementen“ Bewohnern nach meinem Ritt und vor allen nach Shirin gefragt.

Anmerkung:

Damit so eine Begegnung gefahrlos ermöglicht werden kann, muss im Vorfeld eine sorgfältige Planung und auch eine lange Schulung des Pferdes stattfinden! Nicht jedes Pferd ist dafür geeignet! Auch ein Kurs in tiergestützter Therapie ist sehr sinnvoll und von mir sehr zu empfehlen. Weiterbildungen in Basaler Stimulation, Validation, Geriatrie, die ich natürlich auch habe, sind hilfreich.

Heike Roessiger

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